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Grissini & AlpenbitterSind hierzulande Biografien über ehemalige Mitglieder der Landesregierung als eine Seltenheit zu bezeichnen, so ist erst recht die persönliche Rechenschaftsablage in grösserem Umfang eine Rarität. Über Christoph Blocher sind mehrere Titel erschienen – da sass er allerdings noch im Nationalrat. Alt Bundesrat Adolf Ogi hat zu Lebzeiten eine Würdigung durch den ehemaligen SP-Politiker Helmut Hubacher erfahren. Und Ruth Metzler-Arnold hat nach ihrer Nichtwiederwahl im Dezember 2003 eine umfangreiche Rechenschaftsablage über ihre Tätigkeit als Justiz- und Polizeiministerin vorgelegt. Nicht weniger als 350 Seiten umfasst das Buch, das im Juni dieses Jahres vom Appenzeller Verlag in Herisau herausgegeben worden ist. Die 20'000 Exemplare der ersten Auflage waren sozusagen im Nu verkauft, und der Verkauf der zweiten Auflage mit 25'000 Exemplaren „verläuft gut“, wie der Verlag auf Anfrage mitteilte; etwas mehr als die Hälfte ist vom Tisch, und der Verlagsdirektor geht davon aus, „dass auch die zweite Auflage nach dem Weihnachtsgeschäft weg ist“. Eine französischsprachige Ausgabe erscheint im September. Für den Appenzeller Verlag könnte somit „Grissini & Alpenbitter“, so der Titel von Ruth Metzlers Buch, ein gutes Geschäft werden. Soweit einige geschäftliche Fakten. Die Wahl der jungen Frau, erst 35 Jahre alt, ihre Nichtwiederwahl und die Art, wie sie in der Öffentlichkeit auftrat und wirkte, waren auf ein Interesse gestossen, wie man es wohl kaum vermutet hatte. „Meine Jahre als Bundesrätin“ lautet der Untertitel, und es ist eben diese persönliche Rechenschaftsablage, die im Juni dieses Jahres für Aufsehen gesorgt hatte. Eine junge Frau mit einer ungewöhnlich steilen Karriere – richterliche Tätigkeit in Appenzell, 1996 Wahl als erste Frau in den Innerrhoder Regierungsrat und Wahl in den Bundesrat im März 1999 – erinnert sich nach ihrem politischen Absturz, was alles in der fast fünfjährigen Tätigkeit als Bundesrätin geleistet worden ist, wie sie die Politik innerhalb und ausserhalb des Bundeshauses erlebt hat. „Ich gehe ohne Verbitterung, mit einer reichen Erfahrung, die mich auch in Zukunft begleiten wird. Ich habe immer gewusst: Es gibt ein Leben nach dem Bundesrat. Dass es bereits jetzt beginnt, hätte ich mir nicht gewünscht“. Diese Worte finden sich in ihrer Erklärung vom 10. Dezember 2003, als Ruth Metzler nach der Wiederwahl von Bundesrat Deiss – als ihr CVP-Parteikollege – diesen Entscheid akzeptierte und „für weitere Wahlgänge nicht mehr zur Verfügung“ stand. Die Verzichterklärung ist für den Leser von „Grissini & Alpenbitter“ etwas vom Besten, vom Eindrücklichsten, was in den 350 Seiten zu finden ist. Ruth Metzler hat denn auch dafür eine stehende Ovation der Vereinigten Bundesversammlung entgegennehmen können. Es braucht einige Disziplin, um die Rechenschaftsablage von A bis Z aufzunehmen, auch wenn Metzlers Idee darin bestanden hat, „Schweizerinnen und Schweizern Geschichten über meine Jahre als Bundesrätin zu erzählen“. Wer diese Disziplin aufbringt und sich am „Ich“-Stil nicht weiter aufregt, gewinnt wertvolle Einblicke in das Geschäft und in das Räderwerk der Bundes-Politik, wozu eben auch Intrigen, Falschheit, Schwäche und allzu grosse Worte gehören. Und dann und wann nimmt man mit Erschrecken die Brutalität zur Kenntnis, die offensichtlich auch zur Politik gehört, etwa im Kapitel „10. Dezember 2003 – ganz persönlich“, wo unter anderem folgendes zu lesen ist: „Endlich ging ich zum Fraktionsessen. Am Ehrentisch waren zwei Plätze frei. Niemand setzte sich zu mir. Ich gab Brigitte Hauser ein Zeichen, sie solle sich bitte zu mir setzen, da weder Cina noch Stähelin zu mir nachrutschten. Sie zögerte nicht“. Und ein paar Zeilen weiter: „Den ausgesprochen herzlichen Dank, den anschliessend Bundespräsident Deiss an die Adresse von Cina und Stähelin ‚für ihr geschicktes Agieren in einer sehr schwierigen Zeit’ aussprach, empfand ich als einen Dolchstoss in mein Herz. Das konnte doch nicht sein Ernst sein! Einige Menschen in diesem Raum waren mir mit einem Schlag fremd geworden“. Das ist eindrücklich, kurz und bündig. Anderes ist dagegen langatmig ausgefallen, und sehr oft vermisst man mein ein Eingehen auf das Profil, auf das „Menschliche“ der Personen, mit denen Ruth Metzler politisch zu tun hatte. Es wäre zweifelsohne im Zusammenhang mit der Vorbereitung des Wahltages (10. Dezember 2003) erhellend gewesen, wenn sie, um ein Beispiel zu nennen, die beiden CVP-Politiker Philipp Stähelin (Parteipräsident, Ständerat TG) und Jean-Michel Cina (Fraktionschef, Nationalrat VS) sozusagen mit einem aus der Erfahrung gewonnenem Psychogramm ausgestattet hätte. Warum handelte der Walliser Cina so und nicht anders, warum verhielt sich der Thurgauer Stähelin so und nicht anders? Ihre Herkunft ist doch zweifelsohne charakterbildend! „Grissini & Alpenbitter“ ist für schweizerische Polit-Verhältnisse ein ungewöhnliches Buch, geschrieben von einer zweifelsohne ungewöhnlichen Frau, die sich aus Überzeugung dem Beruf und anschliessend der Politik verschrieben hatte. Dass da einige Männer, auch Journalisten, im Umgang mit ihr etwelche Schwierigkeiten hatten, ist auch Bestandteil helvetischer Realität. „Es sind wahrlich schon viel dümmere und inhaltsleere Bücher in weit mehr als sechs Monaten geschrieben worden“, meinte die Journalistin Esther Girsberger zum „typischen Männer“-Echo auf „Grissini & Alpenbitter“ – doch dumm oder inhaltsleer ist Metzlers Buch keineswegs. Es widerspiegelt auf vielen Seiten lediglich das, was einer jungen Politikerin, die in der eigenen Partei nichts ins Schema der Vorsichtigen und Bewahrer passt, passieren kann.
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