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„Der rote Boss“: Benedikt Weibel

Noch bevor er seinen letzten Arbeitstag als Präsident der SBB-Generaldirektion hinter sich hat, ist bereits seine Biografie erschienen: „Der rote Boss – Die Benedikt-Weibel-Story“.

Die Geschichte vom einstigen unbeschwerten, aber aufmüpfigen und das kleinstädtische Leben liebende Jüngling bis zum obersten Chef der Schweizerischen Bundesbahnen ist von den beiden Journalisten Christian Dorer und Patrik Müller in leicht lesbarer, ja geradezu süffiger Form geschrieben worden, und sie enthält viele interessante und aufschlussreiche Details sowohl aus dem privaten wie auch aus dem beruflichen Leben des Benedikt Weibel. Aufschlussreich ist das erste Bild in dem 16 Seiten umfassenden Fototeil der Biografie. Sie zeigt den Vater Bendicht Weibel mit seinem Sohn Benedikt Weibel auf einer Bergtour im Jahre 1962 hoch über dem Göscheneralptal. Von seinem Vater hat der Sohn Benedikt die Liebe zum Bergsteigen sozusagen implantiert bekommen, und diese Liebe hat ihn bis zum heutigen Tag intensiv begleitet, obwohl sich der junge Benedikt geradezu unheimlich stark gegen die Erziehungsmethoden seines Vaters aufgelehnt hatte.

Für den Chef des Hauses Weibel waren Disziplin und Gehorsam unerschütterliche Säulen seiner Weltanschauung – heute würde man sagen: Bestandteil seiner Grundwerte. Doch bei aller Disziplin, die sich Vater Weibel schon in jungen Jahren angeeignet hatte, hatte er mit seiner rauen Schale eben auch ein weiches Herz. Er hatte Charme, hin und wieder ertappte man ihn mit seinem heiteren Humor, und weil er als Chef gegenüber sich selber viel forderte, hoffte er, seine Untergebenen würden es ihm gleich tun. War dem nicht so, bereitete es ihm Mühe, jemanden zu tadeln.

Beim Lesen von Benedikt Weibels Biografie sieht man im Hintergrund immer wieder den Vater, den der Schreiber dieser Zeilen relativ gut gekannt hatte. Von der Liebe zu den Bergen von Vater und Sohn war bereits die Rede. Vater und Sohn stimmen auch in der ihnen eigenen Haltung zur Disziplin überein. Auch das soziale Verhalten gegenüber den Mitarbeitenden weist grosse Parallelen auf. Der Vater war freisinnig, ohne in der Freisinnig-demokratischen Partei aufzufallen; der Sohn wurde auf Umwegen Sozialdemokrat, ohne in der Sozialdemokratischen Partei in irgend einer Weise hervorzutreten, sieht man davon ab, dass er sich einmal einem Antrag auf Ausschluss aus der Partei gegenüber gestellt sah.

Im Solothurn der sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts gehörte es sozusagen zum guten Ton, dass junge Menschen aus gutbürgerlichem (freisinnigem) Haus opponierten und ihr politischen Heil in der Poch oder bei den linken Sozialdemokraten suchten. In der Kantonsschule gab es zu dieser Zeit unter der Lehrerschaft eine stark linksorientierte „Viererbande“, die einerseits mit ihrem politischen Sendungsbewusstsein und ihrer Opposition gegenüber dem freisinnig dominierten Kanton Solothurn grossen Zuspruch bei der Schülerschaft fanden und andererseits der toleranten Einstellung des freisinnigen Erziehungsdirektor des Kantons Solothurn dieser „Viererbande“ gegenüber gewiss sein konnte!

Seine wilden Jahre hatte Benedikt Weibel, abgesehen von einigen Schrammen, mehr oder weniger schadlos überstanden, um dann, einmal bei den SBB gelandet (1978) mit Disziplin zu arbeiten, wo er aber auch seine Kreativität, vom Vater geerbt, zur Geltung bringen konnte. Nun wird Benedikt Weibel, 60 Jahre alt, Ende 2006 in Pension gehen. Eine neue Aufgabe als „Mister Euro 08“ hat er bereits übernommen. Vielleicht wird er nicht, wie sein Vater, mit 65 auf eine nach wie vor befriedigende Tätigkeit verzichten, sondern weiterhin das eine und andere tun. Der politische Kopf Benedikt Weibel hätte da gewiss noch einiges zu sagen. Mit seiner Unabhängigkeit und seinem eigenständigen Denken wäre er dazu prädestiniert.

“Der rote Boss – Die Benedikt-Weibel-Story“. Christian Dorer, Patrik Müller. Orell Füssli Verlag AG, 2006. 208 Seiten mit 33 Fotos und mehreren Grafiken.



Walter Brülisauer

 

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