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Europa: „Einheit in der Föderation“

Wenn es darum geht, die Erst-Idee eines Vereinten Europas zu fixieren, wird meistens auf den grossen englischen Staatsmann Winston Churchill verwiesen, der am 19. September 1946 in der Aula der Universität Zürich vor Studenten Sieger und Besiegte des Zweiten Weltkriegs aufgerufen hatte, nach der grauenvollen Tyrannei des Hitler’schen Nationalsozialismus sich für die Einheit Europas einzusetzen.

Nun ist unlängst im Verlag der Neuen Zürcher Zeitung der Eröffnungsband der Werkausgabe des Schweizer Historikers und Publizisten Herbert Lüthy erschienen. Als junger Mann hatte er während des Zweiten Weltkrieges für das St.Galler Tagblatt die „Kleine Wochenschau“ geschrieben. Und dieser erste Band enthält die Texte der Jahre 1942 bis 1944 sowie vier thematisch verwandte Essays. Den letzten Beitrag, geschrieben 1945, also ein Jahr vor Churchills berühmt gewordener Zürcher Rede, schliesst Lüthy mit einem Bekenntnis zu einem neuen Europa: „Die Einheit Europas in der Hegemonie einer Tyrannis musste scheitern, aber noch dies Scheitern ist nur negativ, wenn es nicht den Weg zur Einheit in der Föderation freilegte. Sie ist längst keine revolutionäre Idee mehr, sondern eine überreife Notwendigkeit, und ihre Verwirklichung wäre keine Umwälzung mehr, sondern das endliche, nach grauenhaften Umwegen mit letzter Kraft vollbrachte Nachholen einer schon fast hoffnungslosen weltgeschichtlichen Verspätung, die Zurkenntnisnahme einer Tatsache“.

Herbert Lüthy war 1945 erst 27 Jahre alt, Winston Churchill zählte 1946 bereits 72 Jahre! Lüthy war, wie Churchill, eine unabhängige und eigenwillige Persönlichkeit. Seine 1945 aufgestellte Forderung nach „Einheit in der Förderation“ ist mittlerweile in Europa für zahlreicher Politiker zum A und O europäischer Einigungsbestrebungen geworden. Nach Lüthys Tod im November 2002 schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem Nachruf, er sei Historiker und Publizist, „einer der Grossen der Schweizer Geistesgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts“ gewesen.

Man liest auch heute noch, 60 Jahre später, mit grossem Genuss Lüthys „Kleine Wochenschau“, denn sie überzeuget von Woche zu Woche durch Klarsicht, Engagement und brillanten Stil.



wb.

 

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