eZytig Die Neue Internet Zeitung
Zurück...
eZytig volltext Suche


Home
Bücher
Schwizer(n)örgeli
Heil Dir Helvetia
Blick über die Grenze
Nebenbei bemerkt
Der Seitenhieb
Über den Tag hinaus...
Medien-Kaleidoskop
Kommentar
Aufgeschnappt
Forum
Mix

Wer schreibt, dem wird geschrieben

Schreiben Sie einen Leserbrief zu diesem Beitrag

Impressum


Anzeige




Archiv Über den Tag hinaus ...

Anzeige


100 Jahre Solothurner Zeitung: Parteipolitische Öffnung und Expansionsschritte

Von Walter Brülisauer *

Der nachstehende Artikel ist in der Beilage „100 Jahre Solothurner Zeitung“ vom 13. Juni 2007, leicht gekürzt, erschienen. Die grösste Zeitung des Kantons Solothurn war vom Grenchner Gottlieb Vogt im Alter von 28 Jahren in Solothurn gegründet worden; die erste Ausgabe war am 15. März 1907 erschienen. Die SZ wird heute mit drei Regionalausgaben Grenchner Tagblatt, Berner Rundschau und Langenthaler Tagblatt heraus-gegeben.

Noch bis Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts gehörte es bei parteipolitisch fixierten Zeitungen zum journalistischen Selbstverständnis, über Veranstaltungen anderer Parteien nicht von einem eigenen Redaktionsmitglied berichten zu lassen. Man beauftragte entweder eine Person, die der anderen Partei nahe stand, oder es wurde ein Bericht einer Presseagentur veröffentlicht. Man pflegte den eigenen politischen und publizistischen Garten, der darum herum gezogene Zaun setzte die Grenzen, und in der Kommentierung hatte man ja immer noch Gelegenheit, aus der eigenen Überzeugung heraus den anderen die Meinung zu sagen.

Einsatz für die politische Öffnung
Im Frühjahr 1969 hatte ich bei der Solothurner Zeitung meine Arbeit als Leiter des Inlandressorts aufgenommen, und als überzeugter Liberaler hatte ich mit der politischen Grundhaltung der führenden Tageszeitung im Kanton Solothurn überhaupt kein Problem. Im Untertitel hiess sie ja Freisinnig-demokratischen Tageszeitung. Dagegen war mein journalistisches Selbstverständnis ein anderes, ein offeneres, indem ich über wichtige Veranstaltungen anderer politischer Parteien und schweizerischer gewerkschaftlicher Organisationen selber, das heisst von der Redaktion aus berichten wollte. Dies war für die freisinnige Neue Zürcher Zeitung seit Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit. Also meldete ich mich für die Berichterstattung über den Jahreskongress des damaligen Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiter-Verbandes (Smuv) an, nahm als Redaktor der Solothurner Zeitung auch daran teil und berichtete über die Verhandlungen der für den Kanton Solothurn mit seiner Metall- und Uhren-Industrie bedeutsamen Gewerkschaft. Damit waren jedoch zwei Redaktionsmitglieder nicht einverstanden, protestierten beim Chefredaktor Dr. Ulrich Luder, weil sie angesichts meiner redaktionellen Arbeit einen handfesten Verrat an der freisinnigen Sache der Solothurner Zeitung auszumachen glaubten. An einer eigens hiefür einberufenen Redaktionskonferenz, die in jener Zeit noch nicht zur täglichen Pflicht gehörte, wurde mein Verhalten als mit der politischen Grundhaltung der Solothurner Zeitung nicht übereinstimmend angeprangert, worauf ich die Gelegenheit erhielt, meine Überlegungen zu meiner journalistischen und redaktionellen Tätigkeit bei der Solothurner Zeitung darzulegen. Ich argumentierte, dass die politisch interessierte Leserschaft einen Anspruch darauf habe, zum Beispiel über den Jahreskongress des Smuv aus erster Hand informiert zu werden, ohne die Solothurner AZ oder ein anderes sozialdemokratisches Organ konsultieren zu müssen. Zudem nehme der Smuv als gewerkschaftliche Organisation im Kanton Solothurn auf Grund der industriellen Struktur einen Stellenwert ein, der es geradezu verlange, dass von der Redaktion aus dessen Tätigkeit verfolgt und auch darüber berichtet werde. Schliesslich und endlich sei es unabdingbar, dass die Solothurner Zeitung die parteipolitische Berichterstattung erweitern müsse, wenn sie neue Leserschichten erschliessen wolle. Im übrigen sei es ja seit Jahren eine Selbstverständlichkeit, dass im Auslandressort über das parteipolitische Geschehen ausserhalb der Schweiz, wenn von den Umständen her erforderlich, ausführlich berichtet werde. Meine Argumentation überzeugte den Chefredaktor und, wie es schien, auch die anderen Redaktionsmitglieder (mit Ausnahme der beiden Opponenten), so dass ich meine eingenommene Haltung mit Bezug auf die Öffnung der politischen Berichterstattung im Inlandteil der Solothurner Zeitung fortführen konnte. Eine negative Nachwirkung hatte diese denkwürdige Redaktionskonferenz: der Anführer der „unterlegenen“ Redaktionskollegen beschränkte von diesem Tag an seinen Umgang mit mir auf das beruflich Allernötigste, und im Übrigen ging er mir aus dem Weg!

Liberal auch ohne FdP-Etikette
Doch der Weg war geebnet zu Gunsten einer kontinuierlichen politischen Öffnung in der Berichterstattung, und zwar nach dem Grundsatz der Trennung von Bericht und Meinung (Kommentar) und immer unter Beachtung der Tatsache, dass die Solothurner Zeitung einer liberalen Grundhaltung verpflichtet war. Als dann im August 1976 eine inhaltliche Umgestaltung der Seiten 1, 2 und 3 sowie „Letzte Meldungen“ realisiert wurde, verzichtete die Solothurner Zeitung von diesem Tag an auf den Untertitel „Freisinnig-demokratische Tageszeitung“. Den Entscheid dazu hatten Dr. Ulrich Luder und ich, damals als Verlagsleiter der Solothurner Zeitung, gefällt – nicht weil die Solothurner Zeitung mit dem 14. August 1976 ihre politische Grundhaltung aufgegeben hätte, sondern weil uns die Tatsache genügte, dass die SZ auch ohne diese Partei-Etikette eine dem liberalen Gedankengut verpflichtete Tageszeitung bleibe. Dies um so mehr, als im Redaktionsstatut die relevanten Punkte des politischen Standorts der Zeitung festgeschrieben waren. Schliesslich und endlich hatte bereits der Gründer der Solothurner Zeitung, Gottlieb Vogt, die Unabhängigkeit des Blattes von der Partei betont.

Kein Erfolg mit dem Schwarzbubenland
Als Inlandredaktor hatte ich auch den Kanton Bern zu betreuen. Und in einem Arbeitspapier zu Handen des Chefredaktors hatte ich 1971 festgestellt, dass die an den Kanton Solothurn angrenzenden bernischen Gemeinden der Bezirke Wangen, Aarwangen, Fraubrunnen und Büren zu einem nicht unerheblichen Teil zum natürlichen Einzugsgebiet der Solothurner Zeitung beziehungsweise des Grenchner Tagblatts, mit dem die SZ bereits 1966 die Zusammenarbeit eingeleitet hatte, gehörten und eine Verstärkung der Berichterstattung aus diesen Gemeinden anzustreben sei. Die Auflage in diesen bernischen Gemeinden belief sich auf rund 2'000 Exemplaren. Bereits auf dem 15. Januar 1973 konnte ein wichtiger Schritt zur besseren Erfassung des bernischen Nachbargebietes vollzogen werden, indem für die Abonnenten in diesen Gemeinden auf der Frontseite der Zeitungstitel mit dem Schrägeindruck „Berner Rundschau“ ergänzt wurde. Ebenfalls auf den 15. Januar 1973 wurde für die solothurnischen Bezirke Dorneck und Thierstein die Berichterstattung erweitert, nachdem eine Zusammenarbeit mit dem in Laufen erscheinenden Volksfreund am Widerstand des dortigen Verwaltungsrates gescheitert war. Der Expansion ins Schwarzbubenland blieb indessen der erhoffte Erfolg (Gewinnung neuer Abonnenten in einem grösseren Ausmass) versagt; die Orientierung des Schwarzbubenlands in Richtung Basel war nicht mehr rückgängig zu machen. Bald einmal musste deshalb der publizistische Rückzug angetreten werden, und die Berichterstattung beschränkte sich auf jene Bereiche, die für die Leserschaft diesseits des Passwangs aus der Sicht der Redaktion relevant sein mussten.

Das Langenthaler Tagblatt ist zu haben
Auf Wunsch von Dr. Ulrich Luder hatte ich 1972 in den Verlag der Solothurner Zeitung gewechselt, was mir die Möglichkeit gab, Fragen der Kooperation mit anderen Zeitungen vertieft zu behandeln. So begab ich mich im Herbst 1973 bei einigen Zeitungsverlegern auf Erkundungstour, um Möglichkeiten einer Zusammenarbeit auszuloten. Erfolgreich war ich jedoch nur in Langenthal – und wie! Der damalige Direktor der Merkur AG als Herausgeberin des Langenthaler Tagblatts sagte mir in diesem für mich denkwürdigen Gespräch, die SZ könne das ganze Langenthaler Tagblatt haben. Die Zeitung habe zu wenig Substanz, um sich im Konkurrenzkampf gegenüber den bernischen Tageszeitungen behaupten zu können. Ich fuhr nach Solothurn und teilte dem Merkur-Direktor schriftlich mit, dass wir uns nach der Rückkehr von Dr. Luder aus der Session in Bern – er war Ständerat – sofort melden würden, um die Frage einer Kooperation mit dem Langenthaler Tagblatt zu besprechen. Mein Chef war von der Idee einer Zusammenarbeit sofort angetan, und ich hatte die Aufgabe übernommen, ein Kooperationsmodell zu erarbeiten, wonach das Langenthaler Tagblatt als Kopfblatt herausgegeben würde, unter Einbezug der SZ-Berner Rundschau. Zwischen Solothurn und Langenthal setzte ein intensiver Gedankenaustausch ein, mancherlei Hindernisse und Vorurteile (unter anderem gegenüber dem „katholischen Solothurn“) mussten überwunden und ausgeräumt werden. Nachdem von Seiten des Verwaltungsrates der Merkur AG dem von mir erarbeiteten Kooperationsmodell mit Bezug auf Inhalt und Gestaltung zugestimmt worden war, konnte bereits am 1. April 1974 das Langenthaler Tagblatt als Kopfblatt der Solothurner Zeitung erscheinen. Und gleichzeitig wurde die SZ-Berner Rundschau zu einem eigenständigen Kopfblatt mit dem Titel Berner Rundschau erweitert. Der Verzicht auf die Berner Rundschau zugunsten des Langenthaler Tagblatts auch im Amt Wangen war auf Grund der mentalitätsmässigen Unterschiede zwischen den Ämtern Wangen an der Aare und Aarwangen nicht denkbar.

Genugtuung und Freude
Die Expansion in den bernischen Oberaargau war, im nach hinein gesehen, für die weitere Entwicklung der Solothurner Zeitung zweifelsohne richtig und wichtig. Dieser Expansionsschritt und die politische Öffnung der Solothurner Zeitung waren nicht nur interessante, sondern auch sehr erfreuliche Wegmarken in meiner 18jährigen Tätigkeit für die Solothurner Zeitung/Vogt-Schild AG. Sie erfüllen mich noch heute mit Genugtuung.

 

* Walter Brülisauer, seit 1955 im Journalismus, war von 1969 bis 1987 für die Solothurner Zeitung/Vogt-Schild AG tätig, von 1979 bis 1983 als Chefredaktor und anschliessend - bis zu seinem Wegzug nach Luzern - als Vizedirektor Mitglied der Geschäftsleitung und in dieser Funktion verantwortlich für den gesamten Verlagsbereich des Unternehmens.



 

Weitere Informationen:
http://www.solothurner-zeitung.ch/

E-MailSchreiben Sie uns Ihre Meinung zu diesem Beitrag!

Drucker VersionDruck Version

     
Erster Lokaltermin Schwarzbubenland Prev
Anzeige

 
Seit dem 1.9.2000 wurde diese Zeitung 507850 mal gelesen.